Unter Kakaobauern –
Kakaoanbau in Ecuador

Dorothea Brockhoff berichtet über ihre Erfahrungen bei Kallari

Text:
Katharina Kuhlmann

Photography:
Dorothea Brockhoff

14 Juli 2014

Ecuador ist für die Kakaoproduktion und Schokoladenherstellung ein wichtiges Land. Zwar werden hier nicht die großen Massen des gängigen Konsumkakaos (Sorte Forastero) hergestellt, aber das kleine Land in Südamerika ist mit 36 % Marktanteil international größter Hersteller von Edelkakao. Insbesondere die Sorte „Cacao Nacional de Arriba“ ist eine von Kakaofans weltweit geschätzte Spezialität, die fast nur in Ecuador produziert wird. Die Produktion geht hier oft andere Wege: Kleinbauern schließen sich in Kooperativen zusammen, die Zwischenhandel ausschließen und eigene Endprodukte hervorbringen. Eine große, besonders bekannte Kooperative ist Kallari.

VIVANI konnte der 23-jährigen Bochumerin Dorothea Brockhoff erfolgreich einen Praktikumsplatz bei der Kakaobauernkooperative vermitteln. Die Studentin des European Business Programme in Münster arbeitet derzeit für insgesamt fünf Monate bei Kallari und bekommt umfassende Einblicke in diese Sonderform des Kakaoanbaus. Sie berichtet uns von ihren Erlebnissen in einem sehr informativen Interview.

VIVANI

Dorothea, einleitend ein paar Worte zu dir: Warum machst du ein Praktikum in Ecuador und warum hat es dich zu der Kallari-Kooperative verschlagen? Warum gerade Ecuador? Was fasziniert dich an diesem Land?

Dorothea Brockhoff

Ich wollte schon lange Zeit nach Südamerika. Da ich im Studium meine Spanischkenntnisse vertiefen konnte, wollte ich die Praktikumsphase gerne auch zum Kennenlernen einer neuen Kultur nutzen. Dass es dann ausgerechnet Kallari geworden ist, habe ich VIVANI zu verdanken: Sie haben mich auf die Kakaobauernkooperative aufmerksam gemacht. Die nachhaltigen Werte dieser Kichwa-Organisation haben mich schließlich überzeugt.

Ich bin sehr glücklich, dass ich durch Kallari gerade in Ecuador gelandet bin: In den 3 verschiedenen Klimazonen der Küste, der Anden und des Regenwaldes herrscht eine enorme Artenvielfalt. Besonders viele Verwandte des Theobroma, des Kakaobaumes, kommen in der Region östlich der Anden vor. Dadurch ist sie als Ursprungsort des Kakaos anerkannt. Landschaftlich ist diese Gegend mit ihren vielen Wasserfällen und dem ursprünglichen Wald atemberaubend. Ecuadors Bevölkerung ist besonders gastfreundlich, fröhlich und offen.

VIVANI

Von der Kakaofrucht bis hin zur fertigen Schokolade – Kakao-Kooperativen arbeiten anders als die herkömmlichen Kakaohersteller. Wie funktioniert das Prinzip von Kallari?

Dorothea Brockhoff

Die Kakaobauern von Kallari verkaufen nicht, wie sonst üblich, die getrockneten Kakaobohnen an Zwischenhändler, die ihre Preise an dem Weltmarktpreis ausrichten. Stattdessen werden die frischen Bohnen von der Organisation selbst gekauft. Gesammelt wird die gesamte Ernte dann auf die Weiterverarbeitung vorbereitet. Aus etwa 40% des Kakaos lässt Kallari dann in Ecuador seine hochwertigen Schokoladentafeln herstellen. Diese werden hauptsächlich direkt an die Konsumenten oder Einzelhändler verkauft, so dass Zwischenhändler fast komplett ausgeschlossen werden und der Großteil des Gewinnes in der Kooperative verbleibt. Die restlichen 60% verkauft Kallari als Kakaobohnen oder Kouvertüre direkt an Chocolatiers.

Für die Kakaobauern bietet Kallari nicht nur einen höheren Preis, sondern regelmäßigere Einkünfte und weitergehende Unterstützung. So organisiert die Kooperative die Bio-Zertifizierung und Kurse zur Weiterbildung. Außerdem werden alle Arbeitsplätze an Mitglieder vergeben und Reisemöglichkeiten für sie gesucht. Es wird ständig nach neuen Möglichkeiten gesucht, das Einkommen der Mitglieder zu stabilisieren.

VIVANI

In welche Arbeitsbereiche der Kallari-Kooperative hast du bisher Einblicke bekommen? Warst du bei den Kakaobauern vor Ort und hast sie bei ihrer täglichen Arbeit begleitet? Hast du selbst auch zur Machete gegriffen?

Dorothea Brockhoff

In den 3 Monaten, in denen ich schon hier bin, habe ich viele Bereiche kennen lernen können. So habe ich schon mehrfach den Kakaoeinkauf und die Schokoladenproduktion begleitet. In der Tourismussparte und in einem GIZ-Projekt zum Vanilleanbau bin ich unterstützend tätig. Meine Hauptaufgabe liegt im Bereich des strategischen Marketings. Insgesamt zwei Wochen habe ich bei Kakaobauern verbracht. Ich habe einen riesigen Respekt vor der Ausdauer, mit der sie jeden Tag harte körperliche Arbeit verrichten. Mit der Machete wollte ich schon mal beim Unkrautjäten helfen, meine Hand war jedoch nach wenigen Minuten wund.

VIVANI

Beschreibe einmal kurz die Abläufe bei der Kakaoernte, wie wird die Kakaofrucht zur Kakaobohne?

Dorothea Brockhoff

Alle zwei Wochen kauft Kallari Kakao ein. Am Tag zuvor geht die Familie also in ihren Kakaogarten und pflückt die reifen Früchte. An einem Sammelplatz werden sie geöffnet und die einwandfreien Bohnen in Gewebesäcke gefüllt, aus denen die Feuchtigkeit aus dem Fruchtfleisch abtropfen kann. Kallari fährt die 21 zugehörigen Dörfer an, um am Straßenrand oder auf dem Dorfplatz die Kakaosäcke zu wiegen und entsprechend zu bezahlen. Am selben Tag wird der Kakao in Kallaris Sammelzentrum in Holzkisten gefüllt, um zu fermentieren. Fünf Tage lang wird das Aroma auf diese Weise verbessert. Dann wird er zum Trocknen ausgebreitet. Je nach Wetterlage nimmt es zwei bis drei Wochen in Anspruch, bis die Bohnen verpackt und zur Weiterverarbeitung abtransportiert werden können.

VIVANI

Du hast eine Woche bei einer sogenannten Kichwa-Familie (ecuadorianische Muttersprachler) gelebt. Wurdest du freundlich aufgenommen und wie erlebtest du den Alltag dieser Kakaobauern?

Dorothea Brockhoff

Die Kichwa sind generell sehr gastfreundlich und kümmern sich sehr um ihre Besucher. Auch, wenn die Verhältnisse einfach waren, haben sie sich sehr darum bemüht, dass es mir an nichts fehlte. Besonders der Alltag der Frauen, die sich meist um Haushalt und Farm kümmern, ist von vielen Verpflichtungen und körperlicher Arbeit geprägt. Trotzdem findet sich immer wieder Zeit für Gespräche mit Verwandten und Nachbarn. Die Kinder gewöhnen sich schon früh daran, nach Schulschluss mitzuhelfen.

VIVANI

Für uns als Schokoladenproduzent steht Ecuador sehr stark im Zusammenhang mit Edelkakaosorten wie dem sogenannten „Cacao Nacional“, auch als Arriba-Kakao bekannt. Hast du den Anbau dieser Sorte beobachten können?

Dorothea Brockhoff

Dorothea: Der Großteil des Kakaos von Kallari ist dieser „Cacao Nacional de Arriba“ mit seiner strahlend gelben, reifen Frucht. Komplementiert wird diese Sorte mit Edelkakaos wie dem Criollo, Porcelano und Trinitario.

VIVANI

Wie sieht es im Bereich Nachhaltigkeit aus, was tut die Kallari-Kooperative, um ihren Kakao biologisch zu erzeugen?

Dorothea Brockhoff

Alle Kakaobauern Kallaris sind EU-Öko-zertifiziert oder in der 3-jährigen Übergangszeit bis zur Erstellung des Zertifikats. Jedes Jahr werden die Kakaogärten dreimal unangemeldet auf ihre biologische Handhabung hin kontrolliert. Traditionell bauen die Kichwa-Familien ihre Erzeugnisse biologisch in einem gemischten Garten an. Die so genannte Chakra kann sich aus über 50 Arten von Nutzpflanzen zusammensetzen. Kallari kauft nur Kakao aus dieser Anbauform, die den Erhalt der Biodiversität fördert. Zwischen den Pflanzen bestehen symbiotische Beziehungen, die die Ernte verbessern und die mikrobiologische Qualität des Bodens erhöhen. Auch durch die relativ großen Abstände zwischen den einzelnen Bäumen werden die Nährstoffe schonend genutzt. Kallari unterstützt die ökologische Nachhaltigkeit des Weiteren, indem über traditionelle Heilpflanzen unterrichtet und ihr Anbau empfohlen wird. Daneben ist soziale Nachhaltigkeit ein Ziel Kallaris.

VIVANI

Soziale Nachhaltigkeit ist ein gutes Sichwort. Fördert Kallari auch die Bildung der Kleinbauernkinder? Du hast beobachtet, dass sie schon früh beim Kakaoanbau mithelfen, gehen sie aber auch regelmäßig zur Schule?

Dorothea Brockhoff

In Ecuador besteht für Kinder die Schulpflicht, und alle Kinder der Kichwa gehen jeden Wochentag in die Dorfschule. Nach Schulschluss wird zuerst gegessen und danach eventuell in der Chakra mitgeholfen. Jedes Mal, wenn wir auf Entdeckungstour gegangen sind, hat der jüngere Sohn sich gefreut, dass er mit durfte und mir viele Pflanzen erklärt. Kallari unterstützt die Schulkinder, indem Besuchern empfohlen wird, Schreibmaterialien als Gastgeschenk mitzubringen. Außerdem wird jüngeren wie älteren Erwachsenen ermöglicht, während des Arbeitens in der Organisation zu studieren.

VIVANI

Wie wird dein Aufenthalt in Ecuador weiter gehen, bleibst du noch längere Zeit bei Kallari oder wirst du noch andere Regionen Ecuadors bereisen?

Dorothea Brockhoff

Ich bleibe noch zwei weitere Monate bei Kallari. Da mein Visum auf 180 Tage beschränkt ist, bleiben mir danach noch etwa zweieinhalb Wochen, um andere Regionen etwas besser kennen zu lernen.

VIVANI

Abschließende Frage: Bist du selbst ein echter Schokoladen-Fan und hast vor Ort auch einige in Ecuador produzierte Schokoladen probieren können?

Dorothea Brockhoff

Ja, besonders auf dunkle Schokolade kann ich für längere Zeit kaum verzichten. Bis jetzt habe ich nur Kallaris hier produzierte Schokolade probiert. Ich hoffe, auf einer Kakaomesse nächste Woche noch andere Marken Ecuadors kennen zu lernen. Davon gibt es aber gar nicht so viele – 98 % des in Ecuador produzierten Kakaos werden zur Weiterverarbeitung exportiert.

VIVANI

Liebe Dorothea, vielen Dank für diese spannenden Einblicke in den Kakaoanbau in Ecuador! Wir wünschen dir weiterhin noch eine tolle Zeit!

Dorothea Brockhoff

Gerne, Katharina! Ich freue mich darüber, meine einzigartigen Erlebnisse hier teilen zu können. Ich empfehle jedem Interessierten, selbst her zu kommen und alles anzuschauen, Kallari steht jedem offen.

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