Eine Forschungsreise zum Ursprung des Kakaos in Ecuador, Teil 4

Wenn im Paradies die Erde bebt...

Text:
Jelena Radeljić, Eduard Fischer

Photography:
Jelena Radeljić, Eduard Fischer

9 November 2016

In unserer aktuellen Blogserie nehmen euch unsere Gastautoren Jelena und Eduard mit auf eine Forschungsreise in die Ursprünge des Kakaoanbaus in Ecuador. Ein spannender Abenteuer-Mix aus wunderschönen Naturerfahrungen, erschreckenden Erkenntnissen und dem hautnahen Erleben einer Naturkatastrophe. In Teil 4 retten sich unsere Forscher mit Glück vor einem der schwersten Erdbeben in der Geschichte Ecuadors und tauchen tief ein in das Herz des ecuadorianischen Kakaoanbaus. Was bewegt die Menschen? Was muss besser gemacht werden?

Teil 4 - Im Kakaoherzen Ecuadors

Draußen dämmert es allmählich. Wir sitzen mit Carlos und seinem 16-jährigen Sohn Gabriel am Esstisch und gucken uns das Video-Interview an, das wir gerade in seinem Garten mit ihm aufnahmen. Carlos ist der warmherzige Präsident einer kleinen Kakao-Kooperative und wir hatten das Glück, dass er uns drei Tage bei sich aufnahm und uns einen Einblick in sein Leben als Familienvater und Kakaoproduzent gewährte. Im Rahmen unserer Masterarbeit machen Eduard und ich auch ein Video, in dem wir verschiedene Akteure im Kakaosektor nach ihrer Beziehung zum Kakao, den damit verbundenen Herausforderungen und ihren Vorschlägen für ein optimales Kakaohandelssystem befragen. Wir schauen alle gebannt auf das Video, bis Gabriel zum leichtwackelnden Mobilee aufschaut und fragt: Erdbeben? Ich antworte darauf fragend: Ist das nicht der Windzug? Alle zucken mit der Schulter und Carlos sagt: Hm, vielleicht war das ein kleines Erdbeben. Wir gucken wieder auf den Monitor, wo Ramon Estupinan von der GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) gerade seine Meinung abgibt. Bis plötzlich alles um uns herum stark zu wackeln beginnt, wir uns mit starren Blicken anschauen, plötzlich aufstehen, aber noch nicht wissen wohin mit uns, als plötzlich Gläser klirren und der Wandschrank zu taumeln beginnt. Eduard will ihn noch retten, aber Carlos ruft: Raus, vors Haus! Draußen ist es bereits dunkel, und irgendwie hab ich es geschafft, meine Stirnlampe dabei zu haben. Wir stehen alle wie eingefroren draußen, meine Stirnlampe wirft einen Lichtkegel auf das Haus und den schwankenden Schrankund ich frage mich was da gerade passiert und was noch passieren wird. Bricht das Haus gleichzusammen? Oder tut sich jeden Moment ein riesiger Spalt unter mir auf, der mich in dunkle Tiefen reißt? Ist das überhaupt möglich?

Das Beben lässt nach. Der Strom ist weg und das Mobilfunknetz ist auch zusammengebrochen. Aber Carlos hat zum Glück sein Funkgerät dabei, in dem die verzweifelte Stimme einer Frau zu hören ist, die gerade berichtet, dass ihr Haus zusammengebrochen sei und sie im Dunkeln allein mit ihrem kleinen Kind draußen steht. Wir gehen zurück ins Haus, wo Glasscherben den Boden bedecken und Ramon Estupinan von der GIZ immer noch engagiert auf dem Monitor von den Herausforderungen im Kakaosektor berichtet. Das ist im Augenblick nicht das womit wir uns beschäftigen wollen, also aus. Bei einem Rundgang durch und um das Haus, merken wir schnell, dass das Haus zum Glück keine größeren Schäden davon getragen hat, denn alle Mauern stehen noch. Wir essen im gemütlichen Kerzenschein Abendbrot, schmieden Notfallpläne für den Fall, dass es noch einmal bebt und gehen ein wenig angespannt schlafen.

Nachdem uns in der Nacht noch ein Beben aus dem Bett reißt, erfahren wir erst in den nächsten Tagen, was für katastrophale Ausmaße das Erdbeben in anderen Orten Ecuadors angenommen hat. Besonders mehrstöckige Häuser aus Beton fielen in sich zusammen. Da muss ich an Carlos Geschichte denken, die er mir am Nachmittag vor dem Erdbeben erzählt hat und denke mir, dass es vielleicht doch manchmal eine Art Vorbestimmung gibt. Denn er erzählte mir, dass er eigentlich ein zweistöckiges Gebäude bauen wollte, doch um dieses finanzieren zu können, habe er sein großes Auto verkaufen müssen, mit dem er beispielsweise gut seinen Kakao transportieren konnte. Stattdessen kaufte er sich ein kleines altes Auto, doch das stellte sich bald als ein teures Reperaturvergnügen heraus, in einer Zeit in der auch noch sein letztes Geld inflationsbedingt an Wert verlor. Und dann wurde noch seine Mutter krank, sodass es finanziell nur für ein kleines erdgeschossiges Haus mit Wellblechdach gereicht hat. Nicht dass das eine schöne Geschichte wäre. Doch dachte ich mir, dass das vielleicht ein Grund ist, weshalb wir alle noch am leben geblieben sind und keine Decken über uns zusammen brechen konnten. Wer weiß schon, welche Krisen sich in Zukunft letzlich dann doch als Glücksfall entpuppen werden?!

Trotzdem mussten wir mitbekommen, in was für einer schwierigen Lage sich Carlos und seine Kooperative befinen, denn sie können ihren konventionellen Kakao zurzeit nur an irgendwelche Zwischenhändler verkaufen, die ihn dann an Großhändler weiterverkaufen und irgendwo dazwischen noch versuchen einen kleinen Gewinn zu machen. In Carlos Erzählungen und einem Gruppenworkshop mit den ProduzentInnen war deutlich Trauer über diese Art des Kakaohandels zu spüren: „Wenn wir in die Stadt gehen, um unseren Kakao an die Zwischenhändler zu verkaufen, dann haben wir uns natürlich vorher im Radio oder Internet erkundigt, wo der aktuelle Kakaopreis auf dem Weltmarkt liegt. Auch kennen wir die Qualität unseres Kakaos. Bei den Zwischenhändlern gehen aber all unsere Prinzipien, die wir in unserer Kooperative leben, verloren und sie versuchen, den Preis zu drücken. Wenn wir ihnen erzählen, wir wüssten aber ganz genau aus dem Radio, dass der Kakaopreis gerade höher ist, dann sagen sie‚ “dann verkauf doch an das Radio!”, so Carlos. Auch sei ihnen bewusst, dass der Gebrauch von synthetischen Pflanzenschutzmitteln, wie das Totalherbizid Glyphosat, für Menschen und Umwelt schlecht ist, aber solang sie keinen höheren Preis für ihren Kakao bekämen, können sie sich keine Angestellten leisten, die ihnen auf der Plantage helfen. Deshalb wolle er direkte Käufer für seinen Kakao finden, die seine Arbeit anerkennen und langfristig auf Bio umsteigen, sagt Carlos ein wenig resigniert und doch hoffnungsvoll.

Dass direkte Handelsbeziehungen zwischen Kakao-Kooperativen und Schokoladenherstellern für beide Seiten gut funktionieren können, zeigten uns weitere Projekte, die wir besuchten. Die Kooperative APROCANE zum Beispiel pflegt bereits seit gut 10 Jahren eine direkte Handelsbeziehung mit einem Schweizer Schokoladenhersteller. Der Vertreter der Kooperative schien wirklich stolz auf diese enge Beziehung zu sein. Es herrscht ein reger Austausch zwischen dem Schokoladenhersteller und der Kakao-Kooperative, sodass eine Beziehung auf Augenhöhe bestehe und langfristige Verträge Sicherheiten auf beiden Seiten ermöglichen. Da die Kakao-Kooperative qualitativ hochwertigen Kakao produziert und der Schokoladenhersteller in den letzten Jahren gewachsen sei, habe auch die Kooperative direkt davon profitiert. So ist die direkte und langfristige Handelsbeziehung ein geschlossener Kreislauf, der sich bisher äußerst positiv dargestellt hat.

Von der Westküste ging es dann für uns in einer Nachtfahrt ganz in den Osten Ecuadors, in den Amazonas nach Tena. Hier befindet sich die Kooperative Kallari, deren Ziel der Erhalt der indigenen Kichwa-Kultur und des Regenwaldes ist. Hier soll aktuellen Studien zufolge der tatsächliche Ursprung des Kakaobaums liegen. Seit Jahrhunderten schon bauen die Familien ihre Nahrungsmittel nach dem sogenannten „Chakra“-Prinzip an. Christina, eine der Kakaoproduzentinnen, führte uns hier durch ihren Kakaowald, wo sie neben Kakao auch Yuka, Bananen, Zitrusfrüchte etc. anbaut – und sogar Vanille. Da Vanille eine gern genutzte Zutat in der Schokolade ist, sorgt die Kooperative dafür, dass sie das Einkommen der ProduzentInnen z.B. durch den Vanille-Anbau steigert. Was hier besonders spannend war: Die Mehrhheit der Kooperativenmitglieder sind Frauen! Judy Logback, eine Amerikanerin, die Kallari mitgegründet hat, gab folgende Erklärung: Das habe ganz einfach mit der Kolonialgeschichte zu tun. Dort, wo die Kirche erschien und Einfluss ausübte, wurden matriarchale Strukturen von patriarchalen abgelöst. Die Kirche sei in Ecuador an der Küste aktiver gewesen und sei nicht so tief in den Amazonas vorgedrungen, sodass die Kichwa-Kultur noch weitestgehend matriarchal organisiert sei und somit die Frauen auch wirtschaftlich die führende Rolle in der Familie haben. Aha, schön auch solche Orte noch auf dieser Welt zu finden.

Vom Kulturschutz zum Naturschutz. Tesoro Escondido, auf deutsch „verborgener Schatz“, wird seinem Namen mehr als gerecht. Tesoro Escondido ist eine kleine Siedlung, die tatsächlich versteckt, weit ab von jeglichen Straßen und Stromanschlüssen im Regenwald Ecuadors liegt. Um dort hin zu gelangen, braucht man lokale Kontakte, die einen von dem Örtchen Golondrinas aus mit dem Auto abholen. Hier wurden Eduard und ich von der Biologin Sylvana vom Projekt Washu und dem Kakaoproduzenten Felipe abgeholt. Wie immer in Ecuador wurde die Ladefläche des Vans noch mit weiteren Personen aus den umliegenden Dörfern vollgeladen. Der Weg ist nicht gerade einfach, denn es muss ein Fluss überquert werden, der keine Brücke hat. Das dort aktive Holzunternehmen hat jedoch eine kleine „Fähre“, oder in anderen Worten „ein großes Floß“, dass die Fahrzeuge und ihre Insassen gegen Bezahlung auf die andere Seite überführt. Aber nur bis 18:00 Uhr. Um 18:07 Uhr – fast so pünktlich wie ich es nur von den Deutschen kenne – ist es schon zu spät, da lassen sie einen auch gern wieder den zweistündigen Weg zurück ins nächste Örtchen fahren. Oder am Flussufer campieren, ganz egal. Letzteres hätten wir auch fast gemacht, doch haben wir es mit viel Überzeugungsarbeit geschafft, für 20$ (anstatt von üblicherweise 2$) über den Fluss gebracht zu werden. Im Dunkeln angekommen, waren wir dann doch noch nicht am finalen Ziel angelangt. Mit Taschenlampen ausgerüstet, ging es dann noch gut eine Stunde zu Fuß durch den Dschungel. Es war so matschig, dass man jeden Schritt wirklich gut planen musste. An Bäumen festhalten wurde abgeraten, denn tummeln sich dort manchmal die sogenannten Congas, große Ameisen, die stechen können. Undwenn sie einen Stechen, dann soll es einen höllischen Schmerz für mehrere Tage verursachen und schlimmer noch, das betroffene Glied für einige Zeit lähmen. Also war hier eine gute Balance im Schlamm angesagt. Auch kreuzte uns eine Schlange. Zum Glück waren alle mit Gummistiefeln ausgestattet, die unsere Beine vor Schlamm und Schlangen schützten.
Die Kakao-Kooperative in Tesoro Escondido hat sich zusammen mit dem Projekt Washu zum Zielgesetzt, die Kakaoproduktion hinsichtlich Qualität und Quantität zu verbessern, ohne die aktuellen Kakaoflächen zu vergrößern, um damit den Primärregenwald zu schützen und den Lebensraum der vom Aussterben bedrohten Klammeraffen (engl. Spider Monkeys) zu bewahren. Direkte Käufer spielen hier auch wieder eine zentrale Rolle, da sie den KakaoproduzentInnen durch einen angemessenen Kakaopreis eine alternative Einkommensquelle ermöglichen.

UNOCACE war die letzte Station unserer zweimonatigen Kakaoreise in Ecuador. Als wir dort ankamen, waren wir wirklich erschöpft von der Reise und von dem Erdbeben mit seinen ständigen Nachbeben. Die Angst vor einem weiteren schweren Beben saß uns in den Knochen. Ich schaute mir in jedem Gebäude an, wo der schnellste Weg zum Ausgang ist, falls es wieder los geht und vermied höhere Stockwerke. UNOCACE ist eine der großen Dachorganisationen von zertifizierten Kakao-Kooperativen in Ecuador. UNOCACE arbeitet zusammen mit einem Schweizer Schokoladenunternehmen und Nichtregierungsorganisationen am „Proyecto Finca“. Hier werden die KakaoproduzentInnen in agroforstwirtschaftlichen Anbaumethoden geschult und ein wesentliches Ziel dabei ist es, über den Eigenbedarf hinaus Nahrungsmittel wie Bananen und Zitrusfrüchte anzubauen, die zertifiziert und zu einem besseren Preis auf dem Markt verkauft werden können. Denn vom Kakao allein können die meisten ProduzentInnen auch hier nicht leben.

“You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.” ― R. Buckminster Fuller

Rückblickend auf alle Orte und Menschen, die wir im ecuadorianischen Kakaosektor getroffen haben, fällt uns auf: Alle bemühen sich darum, eine positivere Auswirkung auf die Natur zu haben und ein besseres Einkommen für die KakaoproduzentInnen zu generieren. Zum Beispiel auch mit einer erhöhten Wertschöpfung im eigenen Land, sodass die rohen Kakaobohnen schon im Ursprung zur Kakaomasse verarbeitet werden. Zu sehen, dass es auch bereits Schokoladenunternehmen gibt, die sich mit dem Ursprung ihres Kakaos beschäftigen und zusammen mit den KakaoproduzentInnen Verantwortung für ihr gemeinsames sozial-ökologisches System übernehmen, gibt uns Hoffnung. In einer Welt, in der wir häufig nicht mehr wissen, wo unsere Milch, unser Brot, unsere Jeans und unsere Schokolade herkommen, ist ein Verantwortungsgefühl für die Menschen und die Natur, die diese Dinge produzieren selten spürbar. Woher soll ich wissen, was innerhalb einer Produktionskette geschieht? Und wie soll ich als KonsumentIn darauf Einfluss nehmen? Bei der Milch könnte ich vielleicht noch einen Bauern in meiner Umgebung suchen, aber beim Kakao wird das schon schwieriger. Deshalb gibt es derzeit Bemühungen von einigen Unternehmen, direkte Beziehungen zu KakaoproduzentInnen aufzubauen, ihnen einen würdigen Preis für ihren Kakao zu bezahlen und sie bei ökologischen Anbaumethoden zu unterstützen. Das ermöglicht den MitarbeiterInnen des Unternehmens ein tieferes und ganzheitlicheres Verständnis für ihr Arbeitsfeld, was so bei den KundInnen authentisch spürbar werden kann. Auch Peer-to-Peer Zertifizierungen, wo KakaoproduzentInnen und KosumentInnen aktiv am Zertifizierungsprozess teilnehmen können sowie grundsätzlich die Auseinandersetzung aller Beteiligten mit natürlichen Kreislaufsystemen (Stichwort „Permakultur“), können uns auch in einem globalen System näher zueinander führen und uns eine verantwortungsvolle Entscheidungsgrundlage bieten. Vielleicht sind wir als bewusste KonsumentInnen dann auch bereit, etwas mehr für die Schokolade zu bezahlen und diese dann aber voll und ganz genießen zu können.

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