Green Heroes:
Küste gegen Plastik e.V.

Norddeutsche Wellenbrecher gegen die Plastikflut

Text:
Alexander Kuhlmann

Photography:
© Küste gegen Plastik

31 Mai 2021

Denkt man an die Nordsee, denkt man unweigerlich an das faszinierende Zusammenspiel der Gezeiten. Dass Ebbe und (vor allem) Flut nicht immer Gutes mit sich bringen, dass weiß Jennifer Timrott nur zu gut. Als Gründerin und Aktivistin der Initiative "Küste gegen Plastik" steht sie mit ihren Mitstreiter*innen sprichwörtlich wie ein Fels in der Brandung gegen die Sturmfluten an Plastikmüll, die sich an unseren nördlichen Küstenregionen anhäufeln. Im Interview erklärt die ehemalige Hallig-Bewohnerin, wie einfach und effektiv man die Aktivitäten des Vereins unterstützen kann, auch ohne dass man gleich einen Urlaub an der Nordsee einplanen muss...

VIVANI

Worum geht es bei „Küste gegen Plastik“ und seit wann gibt es sie?

Jennifer Timrott

Der Verein ist noch recht jung, 2014 gegründet. Uns war es wichtig, mit vereinten Kräften etwas gegen die Plastikflut zu unternehmen, die uns hier an der Küste täglich vor die Füße fällt. Zum einen, indem wir versuchen, zu informieren und in unserem persönlichen Umfeld Plastikverpackungen zu vermeiden, so gut es geht. Da geht schon einiges, und doch ist unsere Wirkung begrenzt, wenn wir als Einzelne nur auf der individuellen Ebene handeln. So bekommen wir das Ruder nicht herumgerissen. Deshalb ist es uns von Beginn an ein großes Anliegen gewesen, auch Unternehmen ins Boot zu holen und von ihnen Veränderungen einzufordern, damit wir als Kunden im Supermarktregal auch die Alternativen finden, die es ermöglichen, auf Einwegverpackungen aus Plastik zu verzichten. Aus diesem Gedanken ist unsere Kampagne ReplacePlastic entstanden: eine Smartphone-App, die es Menschen sehr einfach durch Scannen eines Barcodes ermöglicht, Herstellern und Anbietern von Produkten mitzuteilen, dass sie sich für das entsprechende Produkt Alternativen wünschen.

VIVANI

Wie ist die allgemeine Resonanz auf Ihre Arbeit?

Jennifer Timrott

Wir haben den Eindruck, dass schon sehr viele Menschen für die Problematik von Plastikmüll sensibilisiert sind und sich dringend Veränderungen wünschen. Die Resonanz auf unsere ReplacePlastic-App ist sehr gut. Im Schnitt werden jeden Tag zwischen 700 und 1200 Produkte eingescannt, vor der Corona-Pandemie waren es sogar zwischen 2000 und 3000. Uns schreiben auch oft Menschen, dass sie sich freuen über diese alltagstaugliche Möglichkeit, schnell und einfach Feedback zu geben und sich einbringen zu können. Im vergangenen Jahr konnten wir leider nicht so viele Veranstaltungen machen, aber bei Müllsammelaktionen merken wir immer wieder, dass die Ausmaße des Plastikproblems, die man bei und an der Küste ja ganz konkret erfahren kann, viele Menschen betroffen machen, und dass sie den Wunsch haben, zu handeln.

VIVANI

Erzählen Sie mal was zu Ihrem persönlichen Background. Wer sind sie und was hat sie dazu bewegt, „Küste gegen Plastik“ zu gründen.

Jennifer Timrott

Ausschlaggebend waren zwei Sturmfluten, die ich im Winter 2013 auf Hallig Hooge erlebt habe. Wir haben dort einige Jahre gewohnt. Auf einer Hallig lebt man sehr nah mit der Natur. Diese zwei Sturmfluten brachten wirklich krasse Mengen Plastik sichtbar an die Halligkante. Das war der Impuls, zu sagen: Jetzt müssen wir sehen, was wir mit gebündelten Kräften erreichen können, um hier wirklich signifikant etwas zu verändern. Persönlich hatte ich schon ein paar Jahre früher versucht, Einwegverpackungen aus Plastik so gut wie möglich zu umgehen, nachdem ich den Film Plastic Planet von Werner Boote gesehen habe. Das war 2010 natürlich irre schwer, in einen Supermarkt zu gehen und ohne eine Plastikverpackung wieder rauszukommen. Und bei allem Aufwand, den das mit sich brachte, hatte ich nicht das Gefühl, dass sich über meinen Haushalt hinaus draußen in der Welt etwas ändert. Das war ziemlich frustrierend. Deshalb war nach den Sturmfluten klar: es muss ein neuer Ansatz her, der über die individuellen Bemühungen hinaus versucht, das Problem systemisch anzugehen und die Stimmen der Vielen bündelt, die finden, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann.

VIVANI

Geben Sie uns doch mal einen Einblick in eine typische Woche bei „Küste gegen Plastik“. Was machen Sie so alles?

Jennifer Timrott

Im Augenblick spielt sich alles primär digital ab. Ich arbeite jeden Tag viele Stunden an unserer Datenbank, um neue Produkte hinzuzufügen. In letzter Zeit sind auch erfreulich viele Produkte dabei, die wir als Alternativen zu Plastikverpackungen aufnehmen. Dann verbringen wir noch viel Zeit in der Kommunikation mit Unternehmen, die über ReplacePlastic angeschrieben werden. Das sind oft freundliche und konstruktive Gespräche, bei denen uns auch interessiert, was die Herausforderungen für die Unternehmen sind und was sie daran hindert, auf nachhaltigere Lösungen umzusteigen. Wir machen auch digitale Infoveranstaltungen, bei denen die Teilnehmer über eine bestimmte Strecke einzeln Müll sammeln, und wir dann hinterher anhand von Fotos gemeinsam auswerten, was wir da alles gefunden haben.

VIVANI

Was war das skurrilste Ding, das Sie bislang aus dem Meer gefischt haben. Und was hat Sie bei Ihrer Arbeit besonders erschreckt?

Jennifer Timrott

Skurril finde ich immer, wenn ich sehr alte Verpackungen finde, wie neulich eine Domestos-Flasche, die wohl aus dem Jahr 1965 stammt und damit länger unterwegs ist, als ich auf dieser Welt bin. Erschreckend und schmerzhaft ist es, zu erleben, wie Tiere am Plastikmüll leiden und verenden. Ich habe auf Hallig Hooge mal einen toten Eissturmvogel gefunden, der dann obduziert worden ist und sehr große Mengen Plastik in seinem Magen hatte, so dass wahrscheinlich bei vollem Magen verhungert ist.

VIVANI

Warum sollte ich mir unbedingt die „Replace Plastic“-App auf’s Smartphone laden? Und wie kann ich aktiv bei „Küste gegen Plastik“ mitmachen?

Jennifer Timrott

Mit der ReplacePlastic-App kann jeder schnell und einfach dem Hersteller oder Anbieter eines Produktes Feedback geben: mich stört hier die Plastikverpackung. Das Kundenfeedback wird von uns dann gebündelt weitergeleitet, weil wir die Unternehmen nicht mit vielen einzelnen Zusendungen nerven möchten. Wir glauben, dass es sinnvoller ist, die Kundenstimmen regelmäßig zu übergeben, im größeren Paket sozusagen. Und damit auch immer wieder dafür sorgen, dass das Thema auf dem Tisch bleibt. Auf diese Weise lässt sich viel bewirken. Wir wissen von einigen Unternehmen ganz konkret, dass wird damit Impulse für Veränderungsprozesse gegeben und Verpackungsveränderungen angestoßen haben. Neben dem Feedback zur Plastikverpackung kann man sich aber auch über Alternativen informieren, vorausgesetzt, dass wir in der entsprechenden Produktkategorie schon welche in der Datenbank haben. Und wenn man dann als Nutzer sieht: okay, hier gibt es schon eine andere Lösung, aber die gibt es leider noch nicht in meinem Supermarkt, kann man über die App sogenannte Listungswünsche an große Handelsketten senden. Da ist es uns auch ein großes Anliegen, dass die Handelsunternehmen merken, dass die Nachfrage nach solchen Lösungen bei den Kunden groß ist, in der Hoffnung, dass sie sie dann entsprechend in ihre Sortimente aufnehmen.

VIVANI

Das Problemthema „Plastikmüll“ ist derzeit allgegenwärtig und erfährt eine große Aufmerksamkeit in den Medien. Viele Hersteller und produzierende Firmen nehmen sich des Themas an und optimieren ihre Wertschöpfungsketten. Sei es aus eigener Überzeugung oder aus dem Druck heraus, ebenfalls aktiv werden zu müssen. Immerhin hat man das Gefühl, es tut sich etwas. Haben Sie die Hoffnung, dass die nächsten Generationen sensibler mit dem Rohstoff Plastik umgehen werden?

Jennifer Timrott

Ja, das hoffe ich und das glaube ich auch. Ich glaube, dass schon vielen Menschen schmerzlich bewusst ist, dass unser Einwegplastik viel Leid verursacht und dass sie das gern vermeiden möchten. Und auf der anderen Seite sehen wir viel Kreativität, gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen. Startups setzen auf Mehrwegsysteme und Refill-Prozesse, es gibt mehr feste Körperpflegeprodukte oder Konzentrate für Reinigungsmittel. Auch wenn wir uns natürlich wünschen würden, dass alles noch viel schneller geht: es ist schon einiges in Bewegung gekommen. Und das, obwohl das Thema komplex und das Weglassen von Verpackungen oft nicht trivial ist. Ich finde das ermutigend und sehe unsere wichtige Rolle als Kunden darin, dafür zu sorgen, dass diese Bewegung weitergeht. Indem wir Impulse geben und Unternehmen unterstützen, die sich auf den Weg gemacht haben.

VIVANI

Wie sehen sie die derzeitige Entwicklung in Politik und Industrie – wird hierzulande bereits genug gegen den Plastikwahn getan? Oder wo sehen sie wesentliche Verbesserungsmöglichkeiten?

Jennifer Timrott

Genug geschieht noch lange nicht. Wir sehen ja jeden Tag die gravierenden Auswirkungen in der Natur. Da wäre es eigentlich dringend geboten, alle Einträge von Plastik in die Umwelt sofort zu stoppen. Im Moment geht es häufig um technische und eher punktuelle Ansätze. Wir reden sehr viel von Recycling aber viel zu wenig über Mehrweg. Dabei steht auch in der Abfallhierarchie des Kreislaufwirtschaftsgesetzes an allererster Stelle ganz klar: Vermeidung. Ich sehe noch nicht, dass wir das auch alle konsequent im Fokus haben. Von der Politik würde ich mir wünschen, dass sie Mehrwegsysteme durchsetzt und Mehrwegkonzepte unterstützt. Wir können uns das nicht mehr erlauben, extrem langlebige Materialien als Einmalverpackungen zu verheizen. Ich glaube, wir müssen weg von diesem sehr linearen Einwegdenken, hin zu Kreislaufprozessen, so dass Ressourcen lang in der Nutzung bleiben. Mein Eindruck ist: Das wünschen sich auch viele Kunden. Nutzer unserer App schreiben und oft, dass sie sich Pfandlösungen wünschen. Wir überlegen gerade, wie wir diesen Mehrwegwunsch am besten in unsere App integrieren können.

VIVANI

Sie haben einen Wunsch frei, der mit dem Thema Plastikmüll zu tun hat. Was wünschen Sie sich?

Jennifer Timrott

Plastik gelangt nicht mehr in die Natur, weil wir im Bereich der Einwegverpackungen darauf verzichten und alle Kunststoffe mit großem Bewusstsein für die Verantwortung, die dieses langlebige Material mit sich bringt, ausschließlich in sehr sorgfältig überwachten Kreislaufprozessen nutzen und immer wieder verwenden.

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