Kakaokrise – warum Schokolade immer
teurer wird

Klimawandel und Spekulanten sorgen für düstere Aussichten

Text:
Alexander Kuhlmann

Photography:
© EcoFinia GmbH

19 März 2024

Dürreschäden, Baumkrankheiten, Spekulanten: Die Kakaobohnen werden knapper und die Kakaopreise explodieren. Das trifft vor allem kleine Schokoladenhersteller wie uns, die auf fairen und ökologischen Kakaoanbau setzen. Schokofans drohen höhere Preise, vielleicht sogar leere Regale. Unser Geschäftsführer Gerrit Wiezoreck erklärt im Interview, was Extremwetter, Monokulturen und Spekulanten mit der aktuellen Kakaokrise zu tun haben – und was Hersteller dagegen tun können.

VIVANI

Gerrit, warum wird Schokolade immer teurer?

Gerrit Wiezoreck

Die Nachfrage nach Kakao steigt seit Jahren, während das Angebot sinkt. Letztes Jahr fiel rund ein Drittel der Ernte in Westafrika aus – von dort stammen über 70 Prozent des weltweiten Kakaos. Das sorgt für eine Verknappung auf dem Weltmarkt und lässt die Kakaopreise explodieren. Für EcoFinia ist es besonders hart: Unsere Marke VIVANI ist ja bekannt für hochprozentige Tafeln mit besonders hohem Kakaoanteil.

VIVANI

Aber der VIVANI-Kakao kommt doch aus Lateinamerika, vor allem aus der Dominikanischen Republik?

Gerrit Wiezoreck

Das stimmt. Wir arbeiten dort in Form von langfristigen Partnerschaften mit kleinen Bio-Kooperativen, denen wir eine faire Bezahlung zusichern. Aber viele große europäische Hersteller versuchen jetzt, den fehlenden Kakao in Lateinamerika aufzutreiben. Sie fahren dort einzelne Farmen per LKW an und kaufen den Bio-Kakao direkt "an der Straße" ab, der eigentlich vertraglich uns zugesichert war. Verschärft wird die Krise durch Spekulanten, die an der Börse ordentlich mitverdienen wollen. Zudem wirkten sich Wetterphänomene wie "El Niño" - zusätzlich verstärkt durch den Klimawandel - auch in Lateinamerika negativ auf die Ernteerträge aus.

VIVANI

Und warum gibt es Schokoladenanbieter, die ihre Preise halten können?

Gerrit Wiezoreck

Die meisten großen Hersteller haben riesige Lager, aus denen sie noch schöpfen können. Und durch die großen Mengen, die sie produzieren, fallen höhere Rohstoffpreise anteilig weniger ins Gewicht. Zumal viele Schokoladen ja ohnehin nur sehr wenig Kakao enthalten. Wir kleinen Schokohersteller hingegen produzieren meist direkt, ohne große Lagerzeiten. Das heißt, wir sind jetzt händeringend auf der Suche nach guten Bio-Bohnen – und müssen dafür deutlich mehr bezahlen. Diese Mehrkosten werden wir leider auf unsere Produkte umlegen müssen.

VIVANI

Warum gibt es aktuell die Probleme im Kakaoanbau?

Gerrit Wiezoreck

Kakaobäume sind sehr wettersensibel. Durch die Klimakrise kommt es häufiger zu längeren Dürre- und Regenperioden. Und weil der Preis für konventionellen Kakao aus Westafrika in den letzten fünf bis sieben Jahren sehr niedrig war, hatten die dortigen Farmer kaum Möglichkeiten in die eigenen Plantagen zu investieren. Hinzu kommt: Konventioneller Kakao für den Massenmarkt wird in Monokulturen angebaut. Die Bäume stehen dort dicht an dicht in Reihen, ohne den Schutz durch andere Gewächse. Das macht sie anfälliger für Pilzkrankheiten und Wetterschäden.

VIVANI

Wie hoch ist der Kakaopreis denn aktuell?

Gerrit Wiezoreck

Der Kakaopreis ist gegenüber März 2023 um über 200 Prozent gestiegen. Gerade hat er ein neues Rekordhoch von umgerechnet mehr als 8.000 Euro pro Tonne erreicht. Bei unseren Schokoladen machen die Rohstoffe mindestens 50 Prozent der Herstellungskosten aus. Was das für eine Schokoladentafel bedeutet, die mindestens 70 Prozent Kakao enthält, kann man sich leicht ausrechnen.

VIVANI

Wird es auch wieder bessere Zeiten geben?

Gerrit Wiezoreck

Das kommt vor allem auf die nächsten großen Ernten in Westafrika an, sie starten meist ab September und Oktober. Bis dahin gehen wir davon aus, dass die Preise weiterhin so hoch bleiben. Schlimmstenfalls kommt es dann erneut zu massiven Ernteausfällen – und die Kakaobohnen werden noch knapper und teurer. Ein weiteres Problem ist der zerstörte Baumbestand. Ein Kakaobaum braucht ca. 5-6 Jahre, bis er die ersten Früchte trägt. Einen vollen Ernteertrag liefert er erst mit 10 Jahren. Aber auch bei besseren Ernten werden die Preise für Schokolade sicher nicht wieder auf ein so niedriges Niveau wie vor einigen Jahren sinken. Gute Schokolade kann aber auch nicht so billig sein wie eine Tüte Zucker. Es wird sich noch jeder Schokolade leisten können – aber man wird sie dann auch bewusster genießen müssen.

VIVANI

Warum mache ich mit dem Kauf einer Bioschokolade automatisch vieles richtig?

Gerrit Wiezoreck

Die Rohstoffe, die in Bioschokolade zum Einsatz kommen, stammen generell aus Mischkulturen (wie auf unserer Partner-Finca Rincon De Molenillo / Bild unten). Diese sind wesentlich besser gegen den Klimawandel gewappnet als Monokulturen. Durch die hohe Biodiversität – also den Reichtum an vielfältigen Pflanzenarten – sind die Kakaofarmen widerstandsfähiger gegen extreme Wetterphasen. Der größte Teil des westafrikanischen Kakaos wird allerdings in Monokulturen angebaut. Bei Extremwetterlagen – wie beispielsweise langen Dürreperioden – sind schlechte Ernten vorprogrammiert. Außerdem ist der Baumbestand in solchen Phasen wesentlich anfälliger für Krankheiten. Dieses Szenario erleben wir aktuell.

Wie im Interview deutlich wurde, hat die derzeitige Kakaokrise vielfältige, zum Teil sehr komplexe Hintergründe. Wer mehr darüber erfahren möchte und verstehen will, warum Schokolade über Jahre hinweg im Grunde viel zu billig war, dem legen wir unseren großen Investigativ-Report “Kakao – Das neue Gold?” ans Herz.

 

Zum Beitrag: KAKAO – DAS NEUE GOLD

 

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