Billig(Deutsch)land

Welchen Preis zahlt unser Wohlstandsland?

Text:
Katharina Kuhlmann

Photography:
istock IGraDesign
istock Eivaisla

17 Oktober 2018

In Deutschland kann man günstig einkaufen. Die Lebenshaltungskosten sind durch günstige Lebensmittel gering und liegen, verglichen mit dem EU-Mittel, sogar unter dem Durchschnitt der Staatengemeinschaft. Aber ist das wirklich so? Zahlen wir vielleicht einen ganz anderen Preis, der sich u. a. aus Klimawandel, Artensterben und hohen Gesundheitskosten zusammensetzt? Wer sich mit diesen Themen genauer auseinandersetzen möchte, dem empfehlen wir heute zudem ein interessantes Buch...

Ein Liter konventionell erzeugte Milch im Discounter – aktueller Preisvergleich der billigsten Produkte: Heute bei Aldi Süd zwischen 61 und 69 Cent zu haben. Doch wer zahlt die Rechnung am Ende des Tages? Auf jeden Fall die Tiere und der Bauer. Der deutsche Kunde kommt ja günstig weg. Doch genau da liegt der Fehler. Nicht nur der Erzeugerseite kommt die deutsche, discounterinspirierte Preispolitik teuer zu stehen. Der Rattenschwanz für den Verbraucher kommt erst im Nachhinein, wenn das Produkt schon längst konsumiert ist. Es geht um die versteckten Kosten unserer billigen Lebensmittel, die jeden betreffen.

Versteckte Kosten – was ist das?

Die konventionelle Landwirtschaft ist intensiv. Sie belastet alle an ihr Beteiligten und hinterlässt Spuren. Beispiele: Pestizideinsatz und übermäßige Düngungen verursachen Wasserverschmutzung; die Böden werden durch Monokulturen ausgelaugt; Rückstände in den Produkten können krank machen oder vorzeitig zum Tod führen; Artensterben (Bienen, Insekten, Vögel usw.) schädigt empfindliche Ökosysteme langfristig und Folgen können noch nicht einmal erahnt werden; die Luftverschmutzung durch die Emissionen aus der Viehzucht treiben den Klimawandel an. Die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden.

Preispolitik in Deutschland – Vergleich mit anderen EU-Ländern

Doch ungeachtet dieser erschreckenden Fakten: Lebensmittel sind in Deutschland nach wie vor spottbillig. Die Kunden kaufen fleißig, es werden große Mengen produziert und leider auch wieder leichtfertig entsorgt – Stichwort Lebensmittelverschwendung.

Der Preischeck: Im EU-Vergleich lag Deutschland 2015 0,2 Prozent unter dem Durchschnitt. Dabei fällt auf, dass die meisten direkt angrenzenden Länder meist deutlich höhere Lebenshaltungskosten als die BRD aufwiesen. So führte Dänemark mit 36,8 % über EU-Durchschnitt die vergleichsweise teuren Länder an. Auch deutlich über dem Durschnitt: Luxemburg, die Niederlande, Belgien, Frankreich und Österreich. Die Schweiz als nicht EU-Nachbar riss mit 63,3% über dem EU-Mittel in schwindelerregende Höhen aus. Nur in Polen und der Tschechischen Republik kaufte man günstiger ein. Getreide- und Fleischprodukte in Deutschland lagen übrigens höher über dem EU-Mittel als die Produkte Milch, Käse, Eier und Alkohol, die sich deutlich unterdurchschnittlich im Preis zeigten .

Die Nachfrage gestaltet das Angebot und den Preis mit. Wodurch genau die deutsche Mentalität der Billigpreise entstanden ist – sind die Discounter wirklich an allem schuld? – sei einmal dahingestellt. Fakt ist jedenfalls: Auch vor Genussprodukten wie Süßwaren, die nicht zum täglichen Bedarf gehören und daher eigentlich nicht billig sein müssten, macht diese Einstellung nicht halt.

Die deutsche Süßwarenbranche – Verramschung von Genussprodukten

Als Hersteller von Bio-Schokolade mit für den Endkunden durchaus erschwinglichen und fairen Preisen ist es für uns immer wieder kurios, wenn man auf Käufer trifft, die in der Regel nur konventionelle Produkte kaufen. Eine 100 g Tafel über einem Euro? Das ist doch Wucher, so die häufig anzutreffende Meinung.
Wenn man wieder die Statistik befragt, wird klar, warum viele Deutsche die Preise von ökologisch erzeugten Süßwaren für überzogen halten: Im Vergleich standen wir 2016 auf Platz 1 der günstigsten Süßwaren in Europa. Verglichen wurden die Kosten auf Basis eines Standardwarenkorbes für konventionell erzeugte Süßwaren, der in Deutschland nur 20,78 Euro kostete. Im Nicht-EU-Land Norwegen musste man hingegen mehr als das doppelte für die gleiche Ware ausgeben, unglaubliche 50,31 Euro. Auch das teure EU-Land Dänemark ist mit 37,28 Euro weitaus teurer als Deutschland.

Lösungsansätze: Öko-Landwirtschaft und eine „ehrliche“ Ökonomie

Im Bereich der Landwirtschaft gibt es bereits seit vielen Jahren eine erprobte Alternative zur konventionellen Landwirtschaft: der ökologische Landbau. Hier entstehen keine versteckten Kosten, die später auf den Verbraucher zukommen. Schutz der Umwelt und bessere Einnahmen für die Erzeuger stehen dem konventionellen Ausbeutungsmodell gegenüber.
Auf der anderen Seite sollte die konventionelle Landwirtschaft durch eine „ehrliche“ Ökonomie analysiert werden. Welche Kosten fallen durch diese Art des Wirtschaftens wirklich an, wie lassen sich diese beziffern?

Buchempfehlung: „Die Preise lügen“

Mit genau diesem Themenkomplex befasst sich auch das Buch „Die Preise Lügen“, welches in diesem Jahr im Oekom Verlag erschienen ist. Eine These daraus: Wenn eine ehrliche Ökonomie mit wahrer Kostenrechnung konventionellen Produkten zugrunde gelegt würde, dann müssten diese teurer verkauft werden als Bio-Produkte. Das Buch befasst sich im ersten Teil mit der Analyse der Situation und den wahren Kosten für billig produzierte Lebensmittel. Im zweiten Teil werden Modelle entwickelt, wie sich nachhaltigeres Wirtschaften gestalten lässt. Dazu kommen in dem Fachbuch Experten und Wissenschaftler*innen in ausgesuchten Aufsätzen zu Wort. Zugegeben – kein Buch für zwischendurch. Dazu aber für eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem Thema Billigpreispolitik allemal sehr empfehlenswert.

Volkert Engelsman & Bernward Geier (Hrsg.):
Die Preise lügen.
Warum und billige Lebensmittel teuer zu stehen kommen
Oekom Verlag München 2018
Taschenbuch, 168 S.
ISBN: 978-3-96238-006-9
16 €

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