Green Heroes: wunder[werk]

Ein Gespräch mit Eco-Fashion-Pionier Heiko Wunder

Text:
Alexander Kuhlmann

Photography:
© wunder[werk]

5 Januar 2022

Für die einen Unternehmen sind Bio- und Fairtrade-Siegel ein erfolgversprechendes Marketingtool, für die anderen eine unabdingbare Selbstverständlichkeit. Zu letzterer Sorte gehört das Düsseldorfer Fair-Fashion-Label wunder[werk], das bei der Produktion seiner Mode keine Kompromisse macht. Daher ein würdiger Kandidat für unsere Rubrik "Green Heroes", in der wir regelmäßig Firmen, Vereine und Persönlichkeiten vorstellen, die sich für eine bessere Umwelt einsetzen. Im Gespräch erklärt Gründer und Geschäftsführer Heiko Wunder, warum gerade in der Modebranche ein besonderes Umweltbewusstsein gefragt ist. Dazu gibt er nützliche Tipps, wie man lästige Schokoflecken auf der Lieblingsjeans auf einfache, ökologische Weise wieder los wird.

VIVANI

Die Fashionbranche stand in den letzten Jahren vielfach in der Kritik. Gerade die Jeans steht dabei sinnbildlich für viele Missstände. Unwürdige Arbeitsbedingungen, ungeschützter Kontakt der Arbeiter*innen zu giftigen Substanzen, wie schwermetallhaltigen Farbstoffen, Grundwasserbelastung durch wahllos entsorgte Chemikalien, etc. Die Negativ-Liste ist lang. Was macht wunder[werk] anders?

Heiko Wunder

Wir haben teilweise sehr lange Lieferantenbeziehungen und überzeugen uns selber, wie unsere Produkte hergestellt werden. Dazu beschaffen und entwickeln wir die meisten Stoffe und sogar Garne selber und stellen sie den Lieferanten zur Verfügung. So haben wir zum einen die bestmögliche Kontrolle und wissen ganz genau, was verarbeitet wird. Dazu sind die Zutaten und Technologien für jeden Style festgesetzt. Ganz besonders bei Denim haben wir unseren „eigenen“ Standard schon 2011 mit den Lieferanten entwickelt und aufgesetzt, so dass von Anfang an keine giftigen Chemikalien, wie Chlorverbindungen und/oder Kaliumpermanganat verwendet werden. Die „giftfreie Jeans“ gibt’s bei wunderwerk schon seit Gründung, bzw. seit der ersten Lieferung 2013. Die Verwendung von Biobaumwolle alleine reicht außerdem nicht aus, um eine Jeans als nachhaltig zu bezeichnen. Der Wasserverbrauch, der Verzicht auf Polyester, Polyamit und Polyuretan – egal ob recycled oder nicht – spielen auch eine große Rolle. wunderwerk hat die Jeans bereits giftfrei produziert, als dies noch gar kein Thema war und viele Marken – sogar „Ökomarken“ – ob wissentlich oder nicht, Chlor etc. für das Auswaschen verwendet haben. In der konventionellen Jeansherstellung ist der Einsatz dieser Gifte leider immer noch Standard. Dadurch, dass wir diese giftigen Chemikalien erst gar nicht verwenden und nicht in den Kreislauf bringen, stellt sich die Frage erst gar nicht, wie man die Arbeiter*innen vor Ort und die Natur vor den Giften schützen kann. Es entsteht auch kein Sondermüll, der beim Filtern entsteht. „Eigentlich“ ganz einfach.

VIVANI

Blicken wir mal zurück zu den Anfängen. Was gab für Sie damals den Impuls, umzudenken?

Heiko Wunder

Ich bin sehr naturverbunden, von kleinauf und habe mich immer schon für alles Mögliche interessiert. Ich bin leidenschaftlicher Surfer und habe schon sehr früh an unser Wasser gedacht und mich mit gesunder Ernährung beschäftigt. Wenn man da etwas tiefer geht, ist der Sprung zum Umweltschutz nicht mehr groß.

VIVANI

Eine einzige konventionell hergestellte Jeans benötigt in der Herstellung 2 kg Chemikalien und 8000 Liter Wasser – ein unfassbarer ökologischer Fußabdruck. Welche Bilanz hat eine klassische wunder[werk] Jeans?

Heiko Wunder

Je nach Betrachtungsweise sind es sogar noch mehr Liter Wasser. Es stellt sich aber die Frage, ob man das Wasser was für den Baumwollanbau genutzt wird überhaupt dazu zählt. Es sollte klar differenziert werden, ob das Wasser mit etwas kontaminiert wird oder auch von der geografischen Lage „natürlich“ zur Verfügung steht oder nicht. Beim herkömmlichen Baumwollanbau wächst ein Kilo Baumwolle mit 7-9KG Chemikalien auf, das ist vielmehr das Problem. Diese Chemikalien werden in die Pflanze, also auch in die Baumwolle eingebaut und lassen sich natürlich nicht auswaschen, der Rest verbleibt im Boden oder sickert ins Grundwasser.

VIVANI

Was macht Sie gerade am meisten wütend?

Heiko Wunder

Ich versuche so mit den Herausforderungen umzugehen, dass ich mich möglichst über nichts ärgere. Manchmal bestimmt nicht einfach, aber es macht nur negative Gefühle und die sollten wir am besten vermeiden, wo es geht. Auch wenn ich manchmal bestimmt emotional reagiere, hilft Wut nicht weiter. Es ist allerdings manchmal eine Herausforderung damit umzugehen, was viele Marken plötzlich so alles als nachhaltig deklarieren, nur um möglichst schnell im guten Licht zu stehen, vor allem wenn es nicht ganzheitlich gedacht ist. Bei Heuchlerei oder Arroganz stoße ich hier an meine Grenzen und als Rheinländer muss ich das dann auch ansprechen oder einfach rauslassen. Geht nicht anders.

VIVANI

Primark und die ganzen anderen Big Player der Branche tragen mit ihrem aggressiven Preiskampf dazu bei, Kleidungsstücke zu Wegwerfprodukten zu degradieren. Jugendliche kaufen sich Klamotten für den Samstagabend, um sie am Montag in die Tonne zu werfen. Wie sehen Sie die Entwicklung in der konventionellen Branche. Gibt es eines Tages den Big Bang? Lange kann es so ja nicht weitergehen.

Heiko Wunder

Es gibt vielleicht ständig einen Bang, nur bekommen wir davon nicht so viel mit. Einen Big Bang haben wir mit dem Zusammensturz des Rana Plaza in Bangladesh erlebt. Es gibt unzählige Dinge, die passieren ohne dass es die Endverbraucher mitbekommen. Wir sollten auch an die vielen Arbeiter*innen vor Ort denken, die sich tagtäglich für zehn bis 14 Stunden für Hungerlöhne abrackern und dabei auch noch zahlreichen Giften ausgesetzt sind und sich nicht optimal ernähren können. Auch das zählt zu Qualität. Wer billig kauft, kann meistens davon ausgehen, dass ein anderer darunter leidet, so gut wie immer, also auch bei Kleidung, Nahrungsmitteln und auch bei Schokolade.

"Wer billig kauft, kann meistens davon ausgehen, dass ein anderer darunter leidet - bei Kleidung, Nahrungsmitteln und auch bei Schokolade." - Heiko Wunder

VIVANI

Klar, alles ist eine Frage des Geldes. Aber irgendwie ist es schon auffällig, wie viele Menschen mittlerweile großen Wert auf fairen Kaffee, nachhaltige Schokolade und Bio-Kosmetik legen – nur bei der Kleidung, da wird gerne mal ein Auge zugedrückt. Letzten Endes greift man doch lieber zur Jeans für 60 Euro als zur Fair-Variante für 120 Euro. Woran liegt es?

Heiko Wunder

Ja, das ist gut möglich, aber ich stelle immer wieder fest, dass die Endverbraucher in vielen Fällen schon viel weiter sind und sich immer mehr mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Der Trend zu immer mehr Bio und pflanzlicher Ernährungsweise ist eindeutig, auch wenn so mancher das noch als lächerlich darstellt oder es ihn schlichtweg nicht interessiert. Aber klar, eine Jeans kostet natürlich mehr als eine Kugel Eis, da wird daher auch schneller auf die günstigere Alternative gegriffen. Aber die Richtung stimmt.

VIVANI

Ein Problem ist ja, das nachhaltige Mode nun mal ihren Preis hat, bzw. zwingend haben muss. Geringverdiener werden hierdurch zwangsläufig vom Kauf ausgeschlossen. Chancen entstehen durch Plattformen, wie Vinted oder momox fashion – aber natürlich auch durch tolle Initiativen, wie beispielsweise MädchenKlamotte oder die neue Lust am Flohmarkt-Schnapper. Modehersteller müsste es doch eigentlich wurmen, wenn Kleidungsstücke wieder und wieder weitergegeben werden, bis sie nicht mehr tragbar sind. Ich vermute mal, Sie denken da anders, richtig?

Heiko Wunder

Sieht man zunächst auf den Preis, ist es nicht unbedingt so, dass der Preis deutlich höher ist, entscheidend ist die Qualität und die Positionierung, also das Umfeld, wo man die Marke sieht. Sicher, Bio-Rohstoffe kosten mehr, genauso wie die verwendeten Technologien und ein höherer Einsatz von Handarbeit. Bei wunderwerk ist es so, dass neben der Nachhaltigkeit der Stoffe natürlich auch die Herstellungsländer und die faire Bezahlung eine Rolle spielen. Und die Löhne in Griechenland, Italien, Portugal und Polen z.B. sind nun mal deutlich höher als in Bangladesh, Kambodscha und China. Hier ist außerdem der Unterschied von Mindest- und existenzsichernden Löhnen wichtig. Und die Weitergabe und Nutzung, genauso wie das Reparieren, sind ein wichtiger Bestandteil der Nachhaltigkeit. Produkte die man überhaupt gut reparieren kann, bleiben schließlich viel länger im Gebrauch – beispielsweise Auto-Bauteile, Staubsauger, Waschmaschinen oder auch Schuhe – die konnte man früher neu besohlen lassen. Ich habe noch einen alten VW Käfer, mein erstes Auto, dass ich mir mit 18 Jahren gekauft habe, da kann quasi jedes Bauteil repariert oder ersetzt werden. Man braucht nicht gleich das ganze Armaturenbrett, wenn mal etwas am Tacho kaputt ist. Eine Jeans kann zigmal repariert werden und wird vielleicht erst so zur wirklichen „Lieblingsjeans“ – also aus meiner Sicht ist das Reparieren oder die Weitergabe von Kleidung top. Es sollte cooler sein, ein repariertes Kleidungsstück zu tragen als einen Air Jordan, finde ich.

VIVANI

Zu guter Letzt der Schwenk zur Schokolade. Welchen Tipp haben Sie für unsere Leser*innen, wie ich Schokoflecken auf der neuen Lieblingsjeans von wunder[werk] möglichst ökologisch-korrekt entferne?

Heiko Wunder

Hier schlage ich zwei Möglichkeiten vor: 1. Gar nicht entfernen, sondern einfach so belassen und sehen was bei der nächsten Wäsche verbleibt. Jeder Fleck, Kratzer etc. verleiht einem Kleidungsstück mehr Character und die Jeans ist das Kleidungsstück schlechthin das für einen bestimmten Lebensstil steht. Möchte man aber, dass die Jeans möglichst perfekt verbleiben soll, dann empfehle ich Möglichkeit 2.: Schokoladenflecken entstehen in der Regel durch das Fett in der Schokolade und den Kakao. Das Fett wird normalerweise leicht bei einer Haushaltswäsche – auch bei 30/ 40 Grad – herausgewaschen. Der Kakao ist hier etwas hartnäckiger, ist der Fleck erst einmal eingetrocknet, ist es gar nicht so leicht, diesen zu entfernen, ohne den eigentlichen Stoff nicht auch zu beeinträchtigen: Wenn der Fleck frisch ist: schnell mit Wasser beträufeln/ feucht halten und in die Wäsche geben, ggf. vorher noch mit etwas Zitronensaft beträufeln. Ist nach der Wäsche noch ein bisschen Kakao sichtbar, empfehle ich diesen mit einem Baumwolllappen (kein Mikrofasertuch bitte) oder Löschblatt abzudecken und zu Bügeln, so wird immer wieder etwas des Fleckens auf den Lappen, bzw. das Löschpapier übertragen und in den meisten Fällen sieht man den Fleck schnell nicht mehr. Bei Bedarf einfach einige Male wiederholen. Aber Achtung: Hat die Jeanshose einen Elasthananteil, würde ich diese nicht bügeln (auch nicht zu heiß waschen), da so der Stoff geschädigt wird und die Ware sich nach dem Stretchen nicht mehr zusammenzieht, das kann gerade an den Knien und am Gesäß eine ungewünschte Nebenwirkung erzielen. Ist die Jeans mit Elasthan und der Fleck ist nicht weg, dann wird bestimmt Gallseife, Salz oder Mehl helfen. Hier einfach die Stelle eindecken und leicht einreiben, kurz einwirken lassen und ausbürsten.

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