Schokolade
Konsum- oder Luxusgut?

Ein kritischer Blick auf unseren süßen Zahn

Text:
Katharina Kuhlmann

Photography:
© EcoFinia GmbH

15 Januar 2015

Schokolade ist überall präsent und billig zu haben. Ob Adventskalender, Schokoladenosterhase oder Pralinenmischung vom Discounter – wer es süß mag, musste jahrelang nicht in die tiefe Tasche greifen. Doch das wird sich in nicht all zu ferner Zukunft offensichtlich ändern und ist bereits heute spürbar. Grund sind nicht nur die steigenden Kakaopreise per se. Es stecken tiefgründigere Problematiken wirtschaftlicher, politischer oder humanitärer Natur dahinter, die den Preis für Schokolade – egal welcher Qualität – in die Höhe treiben.

Von Schokoladenhunger und zwielichtigen Börsenhändlern

Der Kakaopreis steigt und wird in den nächsten Jahren vermutlich noch mehr in die Höhe schnellen. So lautet die ernstzunehmende Warnung von führenden Schokoladenherstellern. Die Nachfrage nach Kakao steigt schneller als das verfügbare Angebot, Engpässe vorprogrammiert. Ein Auslöser sind die wachsenden Mittelschichten der Schwellenländer, die sich Schokolade nun leisten können und Lust auf die süße Köstlichkeit verspüren. Beispiel China: seit 2009 verdoppelten die Chinesen laut ICCO-Studie (International Cocoa Organization) ihre Ausgaben für Schokolade.

Ein großer Risikofaktor für den Kakaopreis sind zudem Börsenspekulanten, die große Mengen des Rohstoffes aufkaufen und den Preis dadurch auf Achterbahnfahrt schicken, wie im Jahr 2014 geschehen. „Schokofinger“ Anthony Ward, bekannter Hedgefonds-Manager, kaufte sogar 2010 ganze 7 % der weltweiten Kakaoernte auf, was etwas dem Schokoladenverbrauch in Deutschland pro Jahr entspricht. Derartige Börsenkalkulationen mit Preisschwankungen sind möglich, weil Kakao nur in wenigen, äquatornahen Ländern angebaut werden kann. Es entsteht ein kleiner, anfälliger Weltmarkt.

Von Krisengebieten und anspruchsvollen Bäumen

Viele der wenigen Länder, in denen Kakao angebaut wird, stehen unter besonderen politischen und/ oder humanitären Spannungen. Etwa Dreiviertel der Weltkakaoernte stammt aus Westafrika mit dem Hauptproduzenten Elfenbeinküste. Jahrelanger Bürgerkrieg und ganz aktuell die Ebola-Epidemie gestalten die Situation für die Kakaobauern zunehmend schwierig. Zwar wurde jüngst die beste Kakaoernte überhaupt eingefahren, jedoch drückt die Sorge vor Lieferengpässen den Preis immer wieder nach oben.

Auch der Kakaobaum an sich stellt ein Problem in der Kette der Wirkungsfaktoren auf den Kakaopreis dar. Die Pflanze ist sehr empfindlich gegenüber Krankheiten und Dürreperioden und braucht fünf Jahre, bis sie die ersten Früchte trägt – zu lange, um spontan auf gesteigerte Nachfragen reagieren zu können. Zusammengenommen gute Gründe für die Kleinbauern, die 90 % der weltweiten Kakaoernte erzeugen, sich nach alternativen Nutzpflanzen umzuschauen. So wechseln immer mehr zum Anbau von Palmöl oder Mais, die weniger Risiko im Anbau und mehr sicheren Ertrag bei der Ernte liefern.

Von Fair-Trade und seinen Problemen

Weil der hohe Preis für Kakao im Normalfall nicht die Kleinbauern erreicht sondern in den Geldbörsen der Zwischenhändler verbleibt, hat sich das Konzept des Fairen Handels herausgebildet. So gibt es etwa Kleinbauernkooperativen, die durch Bildung Produktivität und Gewinn der Bauern steigern wollen und darin auch von vielen Schokoladenherstellern unterstützt werden. Hier im Blog haben wir z. B. über die Kooperative Kallari in Ecuador berichtet. Das Problem bei Fair-Trade ist jedoch, dass es sich nach wie vor um einen Nischenmarkt handelt. Die Umsetzung und Kontrolle der Standards gestaltet sich schwierig, da die Anbaugebiete oft entlegen sind. Es wird immer noch von Missständen wie Kinderarbeit berichtet, die sich leider auch im Bereich des fairen Handels nur schwer eliminieren lässt. Im Gegenteil kurbeln Krisen wie Ebola in der Westafrika die Probleme noch an. Da z. B. Erntehelfer aufgrund der Seuche nicht mehr aus Liberia in die Elfenbeinküste einreisen dürfen, werden in letztgenanntem Land wieder verstärkt Kinder zur Kakaoernte herangezogen.

Diese Verkettung an Problemen im Hinterkopf steht jeder Einzelne vor der Aufgabe, seinen Schokoladenkonsum kritisch zu hinterfragen. Qualität und gute Bedingungen für die Erzeuger sollten dazu veranlassen, für das kostbare Kulturgut Schokolade tiefer in die Tasche zu greifen. Denn daran kommt ohnehin niemand vorbei: Schokolade wird teurer!

Quelle: Berliner Zeitung – Wirtschaft – 08.01.2015

Kakaobauern Kakaobauernkooperative Kakaoernte und Ebola-Epidemie Kakaopreis Kakaoproduktion Schokolade Kleinbauern Schokolade und Kinderarbeit steigender Kakaopreis