Veedelfunker – Nachbarschaftlich nachhaltig

Vorzeigeprojekt macht Kölner Vorort Ehrenfeld zur grünen Oase

Text:
Katharina Kuhlmann

Photography:
veedelfunker / labor gruen

8 Oktober 2014

Soziales und ökologisches Engagement fängt vor der eigenen Haustür an. Wie einfach dies funktionieren kann, zeigt das Kölner Vorzeigeprojekt "Veedelfunker". Mit ihrem innovativen Stadtteil-Magazin und vielen tollen Aktionen geben die Initiatorinnen Nika Rams und Dunja Karabaic Anreize, das Leben im eigenen Viertel zu verbessern. So ist der Kölner Vorort Ehrenfeld mit der Zeit zu einer kleinen grünen Oase der Millionenstadt geworden. Immer mehr Menschen lassen sich von der Idee begeistern, selbst mit anzupacken und etwas zum Wohle von Mensch und Umwelt zu verändern. Bei so viel Enthusiasmus mussten wir natürlich einmal genauer nachfragen und haben die beiden Veedelfunkerinnen zum Interview gebeten...

VIVANI

Seit wann gibt es Ihr Projekt "Veedelfunker" in Köln und wie lässt es sich beschreiben?

Nika Rams

Der „Veedelfunker“ erscheint monatlich seit Oktober 2013 und liegt als kostenloses Magazin für jeden zum Mitnehmen im Kölner Stadtteil Ehrenfeld aus. Das Projekt zur nachhaltigen Stadtteilentwicklung wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt unterstützt und hat zum Ziel, die Identifikation mit dem eigenen Wohnviertel und so auch nachhaltiges Handeln zu fördern. Denn nur wenn man sich mit etwas identifizieren kann, kann man sich dafür auch verantwortlich fühlen. Konkret berichten wir dabei über Menschen, Nachbarn und Freunde aus dem Viertel, die mit ihren Taten, Ideen oder Projekten bereits sozial-ökologisch handeln und damit wunderbar Andere inspirieren können. Dabei ihre individuellen Geschichten und Motivationshintergründe zu erfahren ist immer sehr spannend und lehrreich – gerade wenn man sieht, dass man doch nicht so weit weg von der Lebenswelt des Nachbarn entfernt und ihre Idee gar nicht mal so übel ist.

VIVANI

Was war Ihr Ansporn, ein eigenes Stadtteilmagazin auf die Beine zu stellen?

Dunja Karabaic

Wir wollten nachhaltiges und verantwortungsvolles Handeln sichtbar machen und aufzeigen, was die Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils bereits unternehmen, um einen positiven Beitrag für ihre Umwelt zu leisten. Uns war es ein besonderes Anliegen, mit dem Magazin durch eine gezielte Einbindung der Menschen vor Ort, einfache und direkte Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie gesünder, effizienter oder sozialer handeln können, ohne dabei auf etwas verzichten zu müssen. Denn es gibt so viele Alternativen, die all dies beinhalten und bereits vor unserer Haustüre erfolgreich gelebt werden. Mit dem Magazin schärfen wir den Blick darauf.

VIVANI

Das Magazin entsteht in einem Stadtteil Kölns – Ehrenfeld – und wird ausschließlich dort verteilt. Warum gerade dieses Viertel (auf Kölsch „Veedel“)?

Dunja Karabaic

Ehrenfeld ist sicherlich ein besonderes Veedel, da hier eine Mischung unterschiedlicher Lebensentwürfe, sozialer Herkünfte, Altersgruppen, Einkommen und Hintergründen gegeben ist. In Ehrenfeld geschieht vieles noch in einem nachbarschaftlichen Miteinander – Fremde grüßen sich auf der Straße, das gehört hier zum guten Ton.

Nika Rams

Und obwohl dies auch in Köln ein Thema ist, ist hier die Gentrifizierung des Stadtteils noch nicht so weit fortgeschritten und wir erreichen mit dem „Veedelfunker“ unterschiedlichste Menschen und nicht nur eine homogene Peer-Group. Außerdem ist unsere Schaltzentrale, das „labor gruen“, hier beheimatet.

VIVANI

Wen wollen Sie damit ansprechen/erreichen?

Dunja Karabaic

Wir wollen nicht nur eine urbane Gruppe von Menschen erreichen, die bereits viel über das Thema Nachhaltigkeit weiß. Unsere Zielgruppe sollte das gesamte Viertel mit all seinen Milieus sein – und gerade auch denjenigen, die noch nicht für nachhaltiges Handeln empfänglich sind.

Nika Rams

Die Förderung der nachbarschaftlichen Stadtteilkultur auch für Menschen mit wenig finanziellen Mitteln liegt uns sehr am Herzen. Außerdem gab es solch ein Magazin in dieser Form bisher noch nicht in Köln.

VIVANI

Bei Ihrer Arbeit gehen Sie aktiv in das „Veedel“ und suchen den direkten Kontakt durch besondere Aktionen. Wie sieht das konkret aus?

Nika Rams

Unsere Aktionen sind dazu da, um ein nachbarschaftliches Miteinander nicht nur im Magazin anzustoßen, sondern tatsächliche Berührungspunkte zwischen den Ehrenfeldern zu schaffen: Jeden Monat gibt es also passend zum Heft-Thema eine kostenlose Aktion in Ehrenfeld, zu der wir alle einladen und bei der man mit Spaß auch etwas lernen kann.

Dunja Karabaic

Eine Aktion war beispielsweise „Alte Schätze suchen neues Leben“ – hier konnten ausrangierte Möbel und andere Gegenstände mit fachkundiger Hilfe restauriert werden. Wir haben auch eine Kleidertauschbörse initiiert oder gezeigt, wie man auf Verpackungen verzichten kann.

VIVANI

Ihre aktuelle Ausgabe hat als Hauptthema „Ehrenfeld kocht“, worauf haben Sie dabei besonderen Wert gelegt?

Dunja Karabaic

Uns geht es um die Wertigkeit von Nahrungsmitteln. Nicht genormtes Obst und Gemüse schmecken z.B. genauso gut wie das ausgelegte im Discounter, es wird dort aber nicht angeboten. Bewusstes Konsumieren ist auch ein wichtiger Punkt: Woher kommen meine Lebensmittel? Wie kann ich sie verwerten? Wie sind die Bedingungen bei den Produzenten und Ernten? Muss es immer Fleisch sein? Wir widmen uns auch politisch dem Thema Nahrung, indem wir auf die vielen Hungernden weltweit aufmerksam machen und hinterfragen, ob dies so sein muss, gerade, wo doch genügend produziert wird.

Nika Rams

Zu dieser Ausgabe gibt es übrigens die Aktion „Frisches Obst sucht Winterschlaf“, hier können die Teilnehmer lernen, wie Oma es noch gemacht hat: Obst und Gemüse einkochen und haltbar machen, statt es wegzuwerfen. Mit solch einem kleinen Kniff kann man nämlich doch Erdbeeren im Winter genießen, ohne dass sie aus Übersee her transportiert werden müssen.

VIVANI

VIVANI und den Veedelfunker verbindet nicht nur der Anfangsbuchstabe, sondern ein gemeinsames Thema: Das bewusste und genussvolle Konsumieren von Nahrungsmitteln. Welche Parallelen sehen Sie zu den Produkten und der Philosophie von VIVANI?

Dunja Karabaic

Ein bewusstes Konsumieren garantiert mehr Genuss! Wenn die Zutaten dazu noch liebevoll ausgewählt sind und qualitativ überzeugen, schmeckt das Ganze noch viel besser. Ich denke, wir haben vor allem Wertschätzung von Nahrungsmitteln mit VIVANI gemein und den Wunsch, ein möglichst tolles Ergebnis zu liefern.

VIVANI

Sehen Sie das Magazin eher als ein soziales oder ökologisches Projekt?

Dunja Karabaic

Das ist gar nicht so einfach zu trennen. Etwas Soziales muss nicht ökologisch sein. Aber bei ökologischen Themen geht es immer auch um politische Interessen und alltägliche Gewohnheiten. Themen der Ökologie dringen so in den Alltag ein und fordern zum Nachdenken und Handeln auf. Das wirkt sich auf das soziale Umfeld aus, auf den Umgang mit der eigenen Bequemlichkeit.

Nika Rams

So sehe ich das auch und ich würde sagen, der „Veedelfunker“ ist ein soziales Projekt mit den Hauptthemen Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit, Ökologie. Wir versuchen sozusagen durch das soziale Miteinander zum nachhaltigen Handeln zu bewegen.

VIVANI

Was bedeutet es für Sie, bei Nahrungsmitteln und Zutaten auf deren Herkunft und Handel zu achten?

Nika Rams

Es bedeutet uns viel, zu sehen, woher die Rohstoffe für ein Produkt kommen, unter welchen Umständen es angebaut und geerntet wird. Wir hoffen, dass mit diesen Informationen bei den Verbrauchern ein Handlungsumschwung stattfindet. Die Konsumenten nehmen dann evtl. nicht mehr die billigste Schokolade mit den günstigsten und künstlichsten Zutaten, sondern entscheiden sich bewusst für mehr Qualität. Wenn ich weiß, dass Erntehelfer unter fairen Bedingungen angestellt sind und ein angemessenes Gehalt bekommen, das nicht nur zum Überleben, sondern zum Leben geeignet ist, schätze ich das Produkt mehr und kann es mit einem reinen Gewissen genießen.

VIVANI

Können Sie Tipps geben, wie bewusster Genuss im Alltag umsetzbar ist?

Dunja Karabaic

Man kann sich zwischen den täglichen Aufgaben wie Job, Wohnungsputz, Familie selbst fragen: Schmeckt mir das noch? Kann ich eine Schokolade noch genießen, von der ich weiß, dass Zutaten schlecht sind und sie unter miserablen Bedingungen entstanden ist? Das sind kleine Fragen, die man sich hin und wieder stellen kann. Bewusst nach Alternativen schauen kann auch sehr spannend sein – man lernt neue Dinge kennen, probiert aus, lernt dazu, experimentiert. Spielerisch daran gehen, nicht mit Druck – auch das kann Genuss sein.

VIVANI

Was halten Sie von „foodsharing“?

Nika Rams

Das ist eine wunderbare Sache! Man muss dabei die vielen übrig gebliebenen Nahrungsmittel nicht mehr für wiederum viel Geld entsorgen, sondern kann sie abgeben. An Menschen, die sie besser brauchen können. Es steckt ein sehr nachhaltiger und sozialer Gedanke dahinter und das Teilen arbeitet aktiv gegen die unglaubliche Verschwendung, die leider noch täglich stattfindet. Industriell wird zu viel angebaut und zudem noch ungerecht verteilt. Aber auch normale Leute, die zu viel haben, deren Apfelbaum z.B. zu viele Früchte wirft, können sich so nicht nur die Gartenarbeit erleichtern: Sie laden andere ein, sich an dem Überangebot zu bedienen und sind die überschüssige Ernte los. Gleich eine dreifache Win-win-Situation: Für den der gibt, den der bekommt und auch die Umwelt. – Wunderbar!

VIVANI

Haben Sie eine persönliche Lieblingsschokolade von VIVANI?

Dunja Karabaic

Alle dunklen Schokoladen!

Nika Rams

Ich esse am liebsten die „Nuss-Nougat-Crème“ auf einem Brötchen. Oder die „Feine Bitter Orange“-Schokolade.

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